Die Geschichten des Lebens (2)

Eine Netzwerkkollegin empfiehlt ein Buch. Ich besorge es mir und schleppe es zur Chorprobe (für die Pausen) und schleppe es mit auf die Zugfahrt. Die Autorin Rebecca Frost Cuevas verspricht nicht weniger, als DIE Kurs Design Formel, mit der ich allen alles beibringen kann, und zwar online.

Mir gefällt ihre Metapher vom Gedächtniszentrum des Gehirns als großer, ordentlich sortierter Lagerhalle mit Regalen und beschrifteten Schachteln. Daraus lässt sich ein kleines Spiel für die Frage zimmern, deren Beantwortung mir im Kontext meiner neuen beruflichen Ausrichtung nicht leicht fällt: was kann ich wirklich gut?

Ich erforsche also die Wissenslagerhallen in meinem Gehirn. In den Abteilungen Traumatologie, Achtsamkeit und Freude als Lebenshaltung finde ich sehr viele Regale und Schachteln. Das sind Bereiche, da halte ich aus dem Stand einen längeren Vortrag, wenn ich nachts aufgeweckt werde.

Etwas abseits und angestaubt liegt der Bereich Rechtswissenschaft. Allerdings sind die Schachteln „Logisches Denken“, „Struktur“, „Abhandlungen schreiben“ und „Frei Sprechen“ von dort in die stark frequentierten Areale umgezogen. Sonst könnte ich keine Vorträge mitten in der Nacht halten.

Außerdem finde ich Regale, die ebenfalls sehr gut gefüllt sind, die ich allerdings nicht in den beruflichen Bereich eingeordnet hätte. Trotzdem gehören sie dorthin. Es sind die Geschichten, die ich in meinem Leben gesammelt habe.

Ich liebe Geschichten. Ich liebe vor allem Geschichten, die gut ausgehen. In denen Magie vorkommt. In denen Menschen zwischen den Welten wandern können. Geschichten, die das sprengen, was andere und wir selbst uns gemeinhin über das Leben erzählen.

Zu diesen Geschichten gehören der Anfang und das Ende, Tod und Geburt, Menschen, die auf anderen Planeten leben und in der Wüste einen Piloten treffen. Zu diesen Geschichten gehören Tiere, die sprechen und Konferenzen abhalten, und Menschen, die unter Wasser wohnen. Magische Rituale auf der anderen Hälfte der Erdkugel, Gaukler, Sprachkünstlerinnen, beseelte Steine und eine gütige Großmutter des Teufels gehören ebenfalls dazu. Und das ist nur ein winziger Auszug aus dem Geschichtenarsenal.

Ich höre so viele Geschichten von Leid und Beschränkung. Es ist, als wanderten die Menschen in einem fensterlosen Raum und sähen nur sich selbst und dass sie nicht genügen im Vergleich mit dem, wie es sein sollte. In solchen Selbst-Erzählungen gibt es wenig bis keinen Raum für Entwicklung. Die Überlegung, dass eben alle anderen keine Schwäne sind, kommt nicht vor.

Wir bewegen uns innerhalb der Geschichten, die wir uns erzählen. Sie bilden unseren inneren Lebensraum und damit auch unser Außen. Sie sind unser Referenzrahmen. Diesen Referenzrahmen bekommen wir eingetrichtert, wenn wir klein sind. Wir nennen es Erziehung und Bildung. Im Grunde sind das Laufhilfen für das Kind und den heranwachsenden Menschen, nicht mehr als ein Gerüst für die ursprüngliche Orientierung im Leben.

Kein Mensch lässt das Gerüst stehen, wenn das Haus fertig ist und behauptet, das Gerüst sei nicht nur das Haus, sondern der Rest der Welt. Leider kommen die Laufhilfen mit dem Label: „So ist es und nicht anders“. Darum schließen wir meist früh die Fenster zu möglichen anderen Welten und rennen in blicklosen Räumen herum. Und vergewissern und uns wieder und wieder: so ist es und nicht anders.

In ihrer Dankesrede spricht Tsitsi Dangarembga, Autorin und Filmemacherin, die mit dem Friedenspreis des deutschen Buchhandels 2021 geehrt wurde, in welcher Weise die Erzählungen der westlichen Welt über das, was einen Menschen ausmacht, zur Annektierung ihres Heimatlandes Simbabwe führten. Sie spricht von dem Leid, das daraus entstand. Damit endet ihre Erzählung allerdings nicht.

Wir erzählen so viele Geschichten von Unterdrückung und Leid. Und lassen es dabei bewenden. Kürzlich mutete mir der öffentlich-rechtliche Radiosender NDR Kultur, den ich mit meinen Gebühren finanziere, im Stundenrhythmus akribische Fakten über den Foltertod einer Fünfjährigen zu. Nicht zu nächtlicher Stunde, in der Kinder wahrscheinlich nicht mehr zu den Ohrenzeugen gehören. Sondern wieder und wieder, am helllichten Tag. 

Ich war und bin vor allem wütend. Nicht, weil ich meine Augen und Ohren vor Leid verschließen möchte. Sondern weil ich eine Kriegserzählung zur besten Sendezeit unakzeptabel finde. Diese Art von Erzählung verstärkt nicht nur das Gefühl der Trennung zwischen „denen“ und „uns“, sie rechtfertigt es auch. Und macht also Stimmung gegen „die“.

„Die“ sind unmenschliche Islamisten. „Wir“ verurteilen solche Abscheulichkeiten.  Welche Mittel sind erlaubt gegen Unmenschlichkeit?

Dangarembga zeigt auf, in welcher Weise Denken, das einem Anderen die Menschlichkeit abspricht, zu Grausamkeit führt. Sie lässt es nicht bewenden dabei. Sie beginnt eine neue Erzählung. Sie fordert uns auf, ebenfalls eine neue Erzählung zu beginnen. Neben die Descartes`sche Laufhilfe für die Aufklärung „Ich denke, also bin ich!“, stellt sie das afrikanische Prinzip des Ubuntu. „Ich bin, weil du bist.“ 

Im Angesicht von Gewalt und Folter hilft mir Descartes nicht viel weiter. Denn die, die Gewalt ausüben, denken auch. Und oft denken sie, dass sie alles Recht zur Gewalt haben. Die deutsche (Rechts)Geschichte ist voll vom Recht zur Gewalt. Jedes Beharren auf „so ist es und nicht anders“, ist eine Form von Gewalt.

Menschen, die töten, sind genau das, was die, die nicht töten, ebenfalls sind: Menschen. Es sind Menschen, die ihr „Ich bin, weil du bist“ verloren haben. Mich schmerzt das Leid der Getöteten. Mich schmerzt aber auch das Leid der Tötenden.

Deshalb plädiere ich leidenschaftlich dafür, die Fenster und Türen unserer Referenzerzählungen zu öffnen. Sich in andere Schuhe zu stellen. Das beginnt damit, genau zuzuhören. Damit, sich vorzustellen, dass die eigene Weltsicht vielleicht nicht das Maß aller Dinge ist. Dangarembga ehrt die Zuhörer*innen der westlichen Welt, indem sie ihre Rede mit einer Schlüsselerzählung aus der Bibel beginnt. Sie vergleicht sich mit Jona im Bauch des Wahls (Jona 1,9).

Können wir andere Menschen ehren, indem wir ihre Geschichten erzählen?

Ich liebe Geschichten, die gut ausgehen. Weil sie uns daran erinnern, dass Heilung eine Option, dass Neubeginn möglich ist. Geschichten, die gut ausgehen, lösen nicht alle Probleme. Doch verändern sie den Referenzrahmen.

Ich selbst erzähle mir gerne Geschichten, die ich auf der Spur der Freude finde. Mein Leben hat genauso chaotische, anstrengende, enttäuschende und unbefriedigende Kapitel, wie viele andere Leben auch. Doch wer sagt, dass ich diese Kapitel zum Referenzrahmen meiner Lebenserzählung machen muss? Ich bestimme, worauf ich meinen Fokus lege. Ich bestimmte, welche Überschrift mein Leben trägt.

Wenn auf meinen Grabstein stünde, sie war auf der Spur der Freude unterwegs und sie hat andere zum Lachen gebracht, wäre das eine wunderbare Summe meines Lebens. Wen interessiert denn wirklich, was schlecht lief?

Wir können üben, den Referenzrahmen zu ändern. Das ist manchmal ein mühsames Unterfangen, denn meist haben wir nicht geübt, das zu feiern, was gut gelaufen ist.

Ich möchte alle einladen, die Geschichten zu überdenken, die ihr über euch selbst, das Leben und die Welt schlechthin erzählt. Und die Frage zu stellen: glaube ich das, was ich mir erzähle? Hilft mir das? Könnte es auch eine Alternativerzählung geben? Könnte die Geschichte gut ausgehen?

Ich übe ständig den guten Ausgang. Ich habe meinem Gehirn beigebracht, auch das, was nicht so gut gelaufen ist, in den Schachteln mit der Bezeichnung „freudige Ereignisse“ abzulegen. Denn irgendwas Schönes ist immer, wie eine Teilnehmerin an meinem Auf der Spur der Freude Kurs festgestellt hat. In der Navigation unter “Herbstkurs”findest du weitere Informationen zum aktuellen Auf der Spur der Freude Kurs, der am 5. November beginnt.