Die Welt träumen

Von Jane Goodall, dem Kleinen Prinzen und wie die Welt ins Leben geträumt wird.

Am 3. April 2022 wird Jane Goodall 88 Jahre alt. Ihr Traum begann, als sie fünf war. Ein unmöglicher Traum, nicht nur für ein Mädchen aus bescheidenen Verhältnissen zu einer Zeit, da der Krieg sich in Europa ausbreitete. Sie träumt den Traum weiter, sie nährt ihn. Ihre Mutter unterstützt sie dabei. Als sie 22 ist, öffnet sich eine Tür, durch die sie ohne Zögern tritt. Sie erreicht Afrika, das Land ihrer Träume. Der Rest ist tatsächlich Menschheitsgeschichte.

In einer mondlosen Nacht drehe ich meine Runde ums Dorf. Ich bleibe öfter stehen und schaue nach oben, wo zwei große blinkende Objekte ihre Bahnen ziehen zwischen den Sternen. Ich denke an die Raumstation, auf der kürzlich zwei russische Kosmonauten in ukrainischen Farben landeten. Ich denke an den deutschen Astronauten, der an dieser Raumstation herumgewerkelt hat. Außen, nicht innen. Dabei musste er einen Draht zu Hilfe nehmen, weil etwas außerplanmäßig kaputt ging, und brauchte schließlich die Anweisungen seiner Kolleg*innen, um sich aus der Verwicklung mit einem Schlauch zu befreien.

Im Grunde, denke ich, wissen wir nichts.

Ja, wir können in 400 Kilometer Höhe existieren und zehn Kilometer in die Tiefe des Ozeans vordringen. Doch das sind nur Schnipsel.

Was, wenn das Wesentliche für die Augen tatsächlich unsichtbar ist?

Was, wenn wir diesen Satz von Antoine de Saint-Exupéry nicht nur als gefälliges Zitat für eine kleine Öffnung zum Möglichen hin verwendeten, für irgendein Blabla über innere Werte, sondern ihn WIRKLICH ernst nähmen?

So ernst wie, sagen wir mal, die Schwerkraft. Oder, noch besser, die Relativitätstheorie.

Und wenn wir genauso viel Zeit und Geld investieren würden in die Suche nach dem wirklich Wesentlichen? Was käme dann in 116 Jahre heraus? So lange hat es nämlich von der Formulierung der allgemeinen Relativitätstheorie 1905 bis zur Bestätigung einer (weiteren) Vorhersage Einsteins gedauert, unter bestimmten Betrachtungsbedingungen käme es zu einer so starken Krümmung der Raumzeit, dass das Licht von der Rückseite eines Schwarzen Lochs umgelenkt und an der Vorderseite sichtbar würde, wir dadurch also die Vorder- und Rückseite auf einmal sähen.

Das muss jetzt keine*r wirklich verstehen. Mich allerdings entzückt die Vorstellung, dass das für einen Durchschnittsmenschen Undenkbare – Krümmung der Raumzeit / Vorne und Hinten gleichzeitig betrachten – nunmehr den „wissenschaftlich erwiesen“ Stempel trägt.

Was könnte alles diesen Stempel tragen, wenn wir anfingen, andere Fragestellungen zu erforschen? Zum Beispiel das, was Träumende und Mystiker*innen über jegliche Grenzen von Religionsgemeinschaften hinweg seit Jahrtausenden immer wieder sehen und finden und lehren? Und wenn das, was dazu tatsächlich schon erforscht wurde, bekannter wäre?

Ich stelle jetzt mal die steile These auf, dass die einzige verlässliche Wahrheit die der Träume und sogenannten mystischen Erkenntnisse ist.

Können wir überhaupt zwei Minuten lang diese Möglichkeit erwägen, ohne darüber nervös zu werden und gleich wieder „die Realität“ in den Blick zu nehmen? (Die Realität, von der wir eigentlich wissen, dass es sie nicht gibt, weil die Realitätskonstruktion individuell wie auch kulturell grundlegende Unterschiede aufweist).*)

Lynne Twist erzählt in ihrem Buch „Die Seele des Geldes“ die Geschichte eines Stammes, der inmitten der Unwirtlichkeit der Sahel Wüste in Senegal lebt. Als die internationale Delegation nach vielen Stunden Fahrt auf schließlich unbefestigten Wegen an zwei Brotfruchtbäumen ankommt – mehr Anzeichen von Leben oder Schatten gibt es weit und breit nicht – wird sie von aufgeregten Kindern und tanzenden, trommelnden, jubelnden und klatschenden Menschen begrüßt.

Allein dies Bild. Die Arbeit beginnt mit einem Fest. Dort, wo die meisten Augen von Menschen aus dem westlichen Kulturkreis nichts sehen würden, was des Feierns wert wäre.

In den Gesprächen meinen die Männer, sie könnten wegen des Wassermangels nicht mehr so weiterleben wie bisher. Die Frauen sagen: da ist genug Wasser. Wir haben einen unterirdischen See in unseren Träumen gesehen und gefühlt. Wir wollen nach dem Wasser graben. Die Männer aber geben uns keine Erlaubnis. Sie glauben nicht an den See und sie wollen nicht zulassen, dass Frauen Arbeiten außerhalb der ihnen traditionell zugestandenen Tätigkeiten ausführten.

Am Ende wird den Frauen erlaubt, nach dem Wasser zu graben. Sie graben ein Jahr lang. Sie graben und singen und hüten ihre Kinder und zweifeln keinen Moment daran, dass sie das Wasser finden werden.

War der See immer da oder haben die Frauen ihn ins Sein hineingeträumt?

Ich habe keine Ahnung.

Ich halte es allerdings für möglich, dass wir etwas ins Sein hineinträumen können.

Denn: was haben die Menschen nicht schon alles an vormals Undenkbarem ins Sein hineingeträumt!

Jane Goodall ist eine von vielen, die herausragen. Doch tatsächlich träumen wir alle.

Die entscheidende Frage: wächst der Traum auf dem Boden der Angst? Oder wächst der Traum auf dem Boden der Liebe?

Letzten Endes legt unsere Fähigkeit zu träumen Zeugnis ab von unserer eigenen inneren Verfasstheit. Brauche ich eine Versicherung oder weiß ich, dass ich beschützt, behütet und verbunden bin und die Welt nicht alleine retten muss?

Kann ich den Traum von Liebe, Friede, Verbundenheit allen Seins in meinem Herzen halten? Mit ihm leben, ihn besingen und keinen Moment zweifeln daran? Und wenn ich zweifle, kann ich mich trotzdem immer wieder aufmachen, den Traum mit Leben zu füllen? Kann ich mich aus meiner eigenen Komfortzone hinausbewegen?

Denn wir müssen schon auftauchen beim gemeinsamen Träumen. Wir müssen hingehen und da sein und graben und weben und singen und uns gegenseitig hüten.

Komm wir ziehen in den Frieden, singt Udo Lindenberg. Das gefällt mir sehr gut, diese Bewegung hin zu einem Traum.

Im Grunde wissen wir nichts: für mich ist das ein Trost des Möglichen.

Caroline Myss sagt, wir schuldeten der Welt unser bestes Selbst. Ich sehe darin zwei Aufgaben für die Träumer*innen. Dass wir uns selbst hinträumen zum Heilsein und Ganzsein, zur Liebes- und Freudesfähigkeit. Und dass wir teilhaben am Traum einer neuen Erde.

Und ja, ich finde es auch immer wieder mühsam. Ich finde mich selbst immer wieder klein. Ich hadere und zweifle. Am großen Traum habe ich noch keine Minute gezweifelt, aber an der Möglichkeit meines Beitrags.

Überraschend habe ich in den vergangenen Wochen zweimal geträumt, ich könne fliegen. Das war zuerst ungewohnt, dann schnell selbstverständlich. Und sehr einfach.

Das ist nun meine Traumhilfe für zaghaft Momente. Mich zu erinnern an das Gefühl, dass Fliegen zu meinem natürlichen Bewegungsspektrum gehört.

In welchem Traum liegt deine Kraft für dich selbst?

Herzliche Grüße

Eva Scheller

PS: Wer noch nicht so träumerisch abheben mag, könnte sich dem neuesten Buch des Chemikers David R. Hamilton zuwenden. In „Why Woo-Woo Works“ trägt er die Ergebnisse wissenschaftlicher Evaluationen indigener und sogenannter alternativen Heilmethoden zusammen.

*) Wer sich weiter mit einem meiner Lieblingsthemen, der Realitätskonstruktion, beschäftigen möchte: Zum Beispiel haben Menschen in vor-schriftlichen Kulturen ein Überlieferungssystem, das unseren Bibliotheken gleicht. Da wird kein Buch aus dem Regal gezogen und die Umgebung assistiert als Bibliothekshilfe für das komplexe Wissen. 

Ich fantasiere die Frage an eine*n Hüter*in der Überlieferung, die mit dem Gang zu einem bestimmten Baum beantwortet wird, der einen Teil der Antwort in sich trägt. Wer dieser Spur weiter folgen möchte, wird fündig im jüngsten Buch von Thomas Fischermann.

Oder könnte sich mit den Skythen befassen, die sind nicht ganz so weit entfernt von unseren Breitengraden. Weil sie keine schriftlichen Dokumente hinterließen, hielt die Wissenschaft sie lange für ein wildes, kulturloses Volk. Mit dieser Vorstellung räumte eine prächtige Ausstellung im Berliner Martin-Gropius-Bau auf, die vor 15 Jahren gezeigt worden ist.

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