Kürzlich notiere ich: „to find a poetic identity“.
Eine poetische Identität finden.
Ich habe nur eine bedingte Ahnung, was damit gemeint sein könnte.
Jeder Mensch hat eine Identität. Identität ist episch. Enzyklopädien, psychologische und philosophische Abhandlungen und ganze Romanbibliotheken sind gefüllt mit Fragen nach und Aspekten der Identität.
In Schnelldurchgang kann Identität entwicklungspsychologisch in drei Phasen eingeteilt werden.
Die ersten dreißig Jahre des Lebens sind wir damit beschäftigt, sie in Abhängigkeit von Geschlecht, familiären Strukturen, gesellschaftlichen Konventionen und den Dingen, die uns interessieren, zu entwickeln.
Die nächsten dreißig Jahre verbringen wir damit, unsere Wunden zu heilen und unsere Identität zu dekonstruieren, um herauszufinden, wer wir wirklich sind.
Die Jahre danach können Jahre der Freiheit sein, wenn wir unsere Hausaufgaben in Phase zwei gut erledigt haben.
Bis zum Ende bleibt die Frage: Wer bin ich?
Esse ich gerne Oliven? Bin ich allergisch gegen Wespenstiche? Lese ich Simone de Beauvoir, Emine Sevgi Özdamar, Wolfgang Lotz oder gar nicht?
Möchte ich die Welt retten oder auf die Malediven fliegen?
Hat mich meine Mutter verprügelt? Starb meine Schwester? Hasse ich schwarze Hunde?
Die Liste ist endlos. Unterm Strich steht „Ich“.
Padgett Powell hat in seinem Roman „Roman in Fragen“ das Spiel mit den Fragen nach dem, was „Ich“ ausmacht, auf die Spitze getrieben und auf einhundertfünfundachtzig Taschenbuchseiten seinen Leser*innen nur Fragen gestellt.
Wenn Sie etwas am Horizont sehen, was Sie nicht identifizieren können, wollen Sie dann hingehen, um zu sehen, was es ist, oder bleiben Sie lieber, wo Sie sind?
Das Kaleidoskop, das mich zusammensetzt. Aus jedem Blickwinkel eine kleine Veränderung. Von innen heraus nehme ich mich wahr. Von außen blickt die Welt mit vielen Augen und hört mir mit vielen Ohren zu.
Die Identität ist manchmal ein zartes, manchmal ein eher robustes Gebilde. Vielleicht sind die Menschen mit einer robusten Identität weniger anfällig für Selbstzweifel, Unsicherheiten oder Depression, doch, das ist meine Vermutung, selten besonders angenehme Zeitgenossen.
Rebecca Solnit erzählt in ihrem Essay Band „Wenn Männer mir die Welt erklären“, wie sie von einer Freundin zur Party im Haus eines wohlhabenden Paares mitgenommen wird.
Der Gastgeber fragt Solnit nach ihren Büchern, sie erwähnt ihr jüngstes über den Fotografen Eadweard Muybridge. Der Gastgeber hebt zu einem längerem Vortrag an, wer in diesem Jahr ein WIRKLICH wichtiges Buch über Muybridge veröffentlicht habe.
Die Freundin sagt mehrmals: „Das ist ihr Buch“ bis der Gastgeber das zur Kenntnis nimmt. (Zu seiner Ehrenrettung sei gesagt, dass er „aschfahl“ wird, als die Botschaft bei ihm ankommt).
Am Ende stellt sich heraus, der Mann hat das Buch gar nicht gelesen, sein Wissen stammt Second Hand aus der Besprechung in der New York Times Book Review.
Bei welchen Gelegenheiten im Leben wurden Sie nackt gesehen, bei denen Sie nicht nackt gesehen zu werden wünschten?
So in etwa stelle ich mir robuste Identitäten vor.
Weniger robuste Identitäten stolpern öfter über ihre eigenen Füße und vergessen, was sie in ihrem Leben schon alles erreicht und geschaffen haben und würden sich nie mit fremden Federn schmücken.
Eine Freundin, die Meditation und Selbstmitgefühl unterrichtet, erzählt auf ihrer Geburtstagsfeier, sie habe kürzlich ein vollständiges PDF Buch wieder entdeckt, in dem sie Übungsanleitungen mit eigenen Zeichnungen zusammengestellt habe. Sie sei davon nach wie vor entzückt, mit Zeichnungen ließen sich die Dinge so wunderbar auf den Punkt bringen, nur sei die Existenz dieser Arbeit ihrem Gedächtnis vollkommen entfallen gewesen.
Ich finde ebenfalls regelmäßig Texte wieder, deren Existenz ich vergessen hatte und die mich nach wie vor entzücken. Letztens sah ich eine Seite in meinem Notizbuch, auf die ich einen dicken Strich mit einem rosafarbenen Highlighter gemalt hatte. Ich las das englische Zitat, suchte in dem Bücherstapel auf meinem Schreibtisch nach seiner Quelle und war leicht verärgert, dass ich sie nicht notiert hatte, bis mir dämmerte: Das sind meine eigenen Worte.
Ist noch genug Zeit? Ist es wichtig, dass ich noch genauer ausführe, wozu? War je genug Zeit?
Unter Zeitdruck, weil ich gleich weg muss, schütte ich Farbreste der Petrol Dream Wand in meinem Schlafzimmer zusammen, um sie in einem Schraubglas aufzubewahren. Alles klappt, ich komme rechtzeitig aus dem Haus und freue mich, dass ich die Sache in Angriff genommen habe und endlich die Farbeimer entsorgen kann; ich sage mir voller Begeisterung: Ich bin ein Genie.
Das ist mein Cheerleader Satz und hat rein gar nichts damit zu tun, was ein Genie in der Welt bedeutet: Eine Person mit überragender schöpferischer Geisteskraft. Es liegt auf der Hand, dass das Umfüllen von Wandfarbe kein Geniestreich ist. Zu meiner Identität gehört nicht, ein Genie zu sein, sondern nur, in meiner Begeisterung über etwas, das mir gelungen ist, mich selbst mit diesem Begriff zu loben. Ich habe übrigens, als ich herausfand, dass das rosafarben gehighlightete Zitat von mir stammt, mir auch gesagt, ich sei genial.
Während ich meine petrolfarbenen Finger schrubbe, damit ich in der Klavierstunde mit sauberen Händen ankomme, überlege ich, ob das zu meiner poetischen Identität gehören könnte. Im Schlafzimmer eine Petrol Dream Wand zu haben. Auf dem Flügel der Musikschule nicht mit Farbfingern zu spielen. Sich in guten Momenten zu versichern, ein Genie zu sein.
Ist Ihnen klar, dass ein Hühnerei auf der Längsachse angeblich das Gewicht eines Menschen aushält und dass es Menschen gibt, die das bestätigen können?
Ich habe ungefähr vierzig Jahre meines Lebens gebraucht, um mich selbst (hemmungslos) loben zu können.
Ich bin erst ein Mensch mit einer freundlichen Selbstbeziehung geworden, nachdem ich nicht mehr so stark mit dem Ich verbacken war, das aus dem Hochdruckkessel eines familiären Angst-, Gewalt- und Abwertungsklimas in die Welt entlassen wurde.
Für die Phase der graduellen Entkoppelung ist hilfreich, über keine allzu robuste Identität zu verfügen. Anderenfalls besteht die Gefahr, gar nicht erst in diese Phase einzutreten. Nur der Mensch, der an sich leidet, wird einen Wandel überhaupt in Erwägung ziehen.
Hermann Hesse beschreibt in seinem Gedicht „Stufen“ den menschlichen Entwicklungsweg als ein Schreiten von Raum zu Raum mit der immerwährenden Bereitschaft zu Aufbruch und Reise.
Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten,
An keinem wie an einer Heimat hängen,
Der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen,
Er will uns Stuf´ um Stufe heben, weiten.
Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise
Und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen;
Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise,
Mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.
Ich halte die Forderung nach steter Heiterkeit in diesem Prozess für absurd. Wenn wir es ernst meinen, blicken wir nicht nur in die Abgründe, die wir vielleicht schon früher erkannt haben, sondern gehen durch sie hindurch. Doch dass die Bewegung nie aufhört, dass sich Räume öffnen, das stimmt.
Alle Wegweiser zeigen nach innen. Alles, was mir begegnet, führt zu mir zurück.
Virginia Woolf schreibt zu diesem Innenleben:
Über die Schwierigkeit hinaus, sich selbst mitzuteilen, besteht die außerordentliche Schwierigkeit, man selbst zu sein. Die Seele, oder das Leben in uns, ist mit dem Leben außerhalb von uns auf keinen Fall einverstanden. Wenn man den Mut hat, sie zu fragen, was sie denkt, sagt sie immer genau das Gegenteil dessen, das andere Menschen sagen.
Mich selbst mitteilen, auf die Gefahr hin, dass mich niemand versteht, Entscheidungen treffen, die das Gegenteil dessen sind, was das „Draußen“ erwartet.
Wenn Ihnen kostenlos ein rustikales, gemütliches Haus auf Pfählen in einem riesigen Sumpf angeboten würde – würden Sie freudig, mit Vorbehalten oder gar nicht einziehen?
Berthold Brechts Erzählung „Die unwürdige Greisin“ handelt von einer Frau, die ihr Leben lang die Rollen der Mutter und Hausfrau erfüllt, um nach dem Tod ihres Mannes zum Missfallen der Verwandtschaft ihr Leben plötzlich selbst zu gestalten. Zwei Jahre lang besucht sie Kinos und Gasthöfe und schließt neue Freundschaften, bevor sie mit vierundsiebzig Jahren stirbt.
Die Figur der unwürdigen Greisin wandelt sich zu einem Selbst, das nicht nur frei ist von den Vorstellungen und Anforderungen ihres früheren Lebens, sondern Zugang zu kreativer Gestaltung hat, für die es in ihrem unmittelbaren Umfeld keine Vorbilder gibt. Sie lebt das, was ich poetische Identität nenne.
Poetische Identität wächst aus dem Mut, die Seele nach ihrer Meinung zu fragen und auf sie zu hören, auch wenn das, was sie sagt, unlogisch oder schwer nachzuvollziehen ist.
Poetische Identität ist ein Spiel, ein Tanz, ein fluider Augenblick, eine Sekunde absoluter Freiheit, ein Moment, in dem wir uns erlauben, ja zu sagen zur Quelle in uns, die gestalten, neu schöpfen, in Beziehung gehen, sich ausdrücken will. Ob wir das nun ins Kochen gießen, oder in das Schreiben eines Theaterstücks oder das Häkeln eines Topflappens oder uns der unterschätzten Kunst widmen, Löcher in die Luft zu starren.
Ich saß letztens eine Stunde auf dem Bahnsteig in Rathenow, während die Sonne langsam unterging, vorher hatte ich den Bahnhofsvorplatz inspiziert, der eine sehr ungewöhnliche Gestaltung aufwies, die mir die Idee gab, es könne sich um die Überreste einer barocken Anlage handeln, es gab absolut nichts zu tun, und so füllte ich Seite um Seite in meiner Kladde und versuchte, die Formen und die Merkwürdigkeiten, die ich auf dem Bahnhofsvorplatz gefunden hatte, zu beschreiben, zu keinem Zeitpunkt werde ich die Sätze, die ich formte, für einen Geniestreich halten, aber das ist gar nicht der Punkt, der Punkt ist, dass mir jeder Moment dieser sich hinziehenden Reise von der Hauptstadt in die Provinz einen Freiraum bot, inmitten all der Menschen, die die Züge bevölkerten und sich zwischen Fahrrädern und Koffern in die Gänge schichteten, genau das zu tun, was meine Seele jauchzen ließ, nämlich auf die Welt zu schauen, sie in meine Wahrnehmung zu übersetzen und jedes Gesicht, jeden Fuß, jeden Bahnhofsvorplatz als Geschenk anzunehmen.