Anstiftung zur Freude #129
Der Leiter des New York Zen Center for Contemplative Care, Koshin Paley Ellison, schreibt über Großzügigkeit. Großzügigkeit nicht nur als Geste, wenn wir etwas übrig haben, das wir verschenken können, sondern als Geste des Vertrauens.
Ich pflanze einen Samen im Vertrauen darauf, dass er aufgehen wird. Ich pflanze einen Samen im Vertrauen darauf, dass ich mich um ihn kümmern werde, damit er aufgehen und wachsen kann.
Großzügigkeit als Geste des Vertrauens ist eine Praxis der Furchtlosigkeit. Damit ist nicht die Freiheit von Angst gemeint. Sondern die Tatsache, da zu sein und zu bleiben, selbst angesichts der eigenen Angst oder der Angst anderer. Da sein bedeutet, sich nicht in Gedanken und Gefühlen zu verlieren. Sich nicht in „das ist alles so furchtbar“ hineinzuschrauben.
Da sein bedeutet, sich selbst nicht in einen Opferstatus zu manövrieren, sondern im Präsentbleiben eine Handlungsmöglichkeit zu sehen.
Ich bin entsetzt über die Leichtfertigkeit, mit der Mord und Krieg als Mittel der Politik eingesetzt werden. Ich bin erschüttert vom Leid der Menschen, die ungefragt die Konsequenzen tragen müssen. Ich habe Angst, dass der Krieg sich in Europa ausdehnt.
Dennoch: Ich wähle, mich nicht zu entziehen. Ich wähle, immer wieder in den gegenwärtigen Moment zurückzukehren. Weil ich der festen Überzeugung bin, dass es einen Unterschied macht, wie ich mich verhalte. Wenn ich im gegenwärtigen Moment bin, kann ich mich um meine Gefühle kümmern. Ich kann mich um die Gefühle meiner Mitmenschen kümmern, ich kann Beistand leisten. Ich kann die Tatsache halten, dass es Trostlosigkeit gibt und Hoffnungslosigkeit und unermesslichen Schmerz. Ich kann atmen mit dem, was ist, mit dem Menschen, mit dem ich bin.
Was im gegenwärtigen Moment noch möglich ist: Ich sehe das schmale Licht-Schattenspiel, das die Sonne auf meinem Kleiderschrank zeichnet. Ich höre das geschäftige Palaver der Vögel. Ich fühle die Lebenskraft in meinem Körper pulsieren, ich stehe in Beziehung zu dem Wunder des Lebens, das mich umgibt, das ich selber bin. Ich kann weinen, weil ich spüre, wie schwer ich an der Traurigkeit der Welt trage. Ich kann lachen, weil der Himmel blau ist und zwei Kraniche über den noch brachliegenden Acker staksen.
Das ist meine Anstiftung zur Freude in dieser Woche: Finde immer wieder Gelegenheiten, großzügig mit deiner Präsenz zu sein. Atme, sinke in dich hinein, sei für das da, was du fühlst, sei für das da, was deine nächsten Menschen fühlen, ohne es verändern zu wollen. Sei da für die Schönheit, die dich umgibt. Finde die kleinen funkelnden Freudekiesel in diesem Moment.
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