Ein Lob der Lücke

Ich stelle fest, in den vergangenen Wochen habe ich mich eher überirdisch orientiert. In den Überschriften der letzten 3 Blogartikel kommen die Worte Himmel, Universum und (Sternbild des) 0rion vor. Nun schlage ich mich auf dem sehr irdischen Boden der Tatsachen mit einem Thema herum, das mir schwer fällt. Nicht, weil mir nichts dazu einfällt. Im Gegenteil. Sondern, weil ich mich darüber aufrege. Früher bedurfte es nicht viel, und gleich war ich bei den höchsten Punkten der Aufregungsskala. Sich weniger aufzuregen halte ich für einen Fortschritt, den zu erreichen ich nicht nur mir, sondern der Menschheit insgesamt ans Herz legen möchte. Das ist gut fürs Gemüt und den Weltfrieden. Unaufgeregte Menschen können freundlicher Zusammenleben. Sie lassen sich leichter dehnen, wenn etwas Unbekanntes auf sie zukommt.

Merkst du was?

Ich lenke ab.

Deshalb sitze ich hier auf den letzten Drücker für die Freitagsbriefschleuse. Was ist denn nun mein Aufregungsthema? Internationaler Frauentag! Der steht vor der Tür. Wir sind fast am Ende des ersten Viertels im 21. Jahrhundert. Immerhin dürfen Frauen in Deutschland seit 112 Jahren, 3 Monaten und 5 Tagen wählen. In der Schweiz dürfen sie das erst seit 60 Jahren und 26 Tagen. Aber sonst? Was hat sich sonst geändert? 

Diese Frage stelle ich mir, seit ich als Teenager das Buch „Ein Mädchen ist fast so gut wie ein Junge“ von Dagmar Schultz gelesen habe. Und ja, ich habe mich darüber aufgeregt.

Zur Zeit wird viel über institutionellen Rassismus diskutiert. Strukturelle und institutionelle Benachteiligung bedeutet, dass es kein Mensch merkt, wie eine gesellschaftliche Gruppe diskriminiert wird. Die herrschenden Verhältnisse scheinen ganz natürlich und richtig zu sein. Und diejenigen, die die Macht haben, forschen nach „Objektiven Gründen“ für die Unterscheidung. Sie finden sie auch. Was die strukturelle Diskriminierung nur noch natürlicher und richtiger macht. In der Geschichte der systematischen Unterdrückung der Frauen spielen unzählige „wissenschaftlich erwiesene Tatsachen“ eine Rolle, die es ausschlossen, dass Frauen überhaupt vernunftbegabte Wesen sein bzw. werden könnten.  Zu solchen Erkenntnisse gehörte z.B., dass die Lektüre von Romanen die Empfängnisfähigkeit beeinträchtigt. Frauen wurden unmündiger gehalten als Kinder, denen mann immerhin Wachstum und Entwicklung zugestand. Sofern es sich um Jungs handelte, natürlich.

Es scheint, die Wissenschaft ist in manchen Teilen bis heute noch nicht vollständig aus dem Kreislauf des ewigen Bestätigens uralter Vorurteile ausgestiegen, wie ich einem ZEIT Artikel im November 2020 entnehme. Es ist ja gemeinhin anerkannt, dass die Männer früher Jäger und die Frauen Sammlerinnen waren. Das wurde 1966 in einer Konferenz quasi zum wissenschaftlichen Dogma erhoben.

Jetzt kam der (männliche) Archäologe Randy Haas zum Schluss, die frühe Großwildjagd sei wahrscheinlich geschlechterneutral gewesen. Er hatte in den peruanischen Anden ein mit 20 steinernen Pfeilspitzen beerdigtes Skelett ausgegraben. Solche Grabbeigaben gelten den Archäologen als Zeichen dafür, dass der Tote ein hochrangiger Jäger war. Da wird eigentlich nicht herumgedeutelt. Große Menge an Pfeilspitzen im Grab = großer Jäger. Bei der Untersuchung des Skeletts stellte sich heraus: der hochrangige Jäger war eine Frau. Nun hat Randy Haas mit seinen Kollegen die Literatur durchsucht nach Funden von Jägern und Jägerinnen mit entsprechenden Grabbeigaben in Nord- und Südamerika. Belegt waren 27 Funde; 11 Frauen und 16 Männern. Sie schlussfolgerten daraus, vor 10.000 Jahren seien 30-50% der Jäger tatsächlich Jägerinnen gewesen.

Mir als Juristin leuchtet das ein. Gleicher Sachverhalt, gleiche Schlussfolgerung. Eine Reihe von Archäologen sieht das anders. Die Beigaben in den Jägerinnen Gräbern müssten ja nicht von der Toten benutzt worden sein.

Jetzt könnte mich schon wieder aufregen.

Lies Siri Hustvedt, wenn du möchtest, dass dir die Haare zu Berge stehen, angesichts der institutionellen Grausamkeit von Männern gegenüber dem „Anderen Geschlecht“.  Nein, lies auf alle Fälle Siri Hustvedt, die großartig schreibt und kenntnisreich die Geschichte der Psychiatrierung von Frauen auffächert. Außerdem: Wusstest du, dass das berühmte Urinal von Marcel Duchamps in Wahrheit von einer Frau stammt? Ohne Witz. Auch hierzu findest du Erhellendes bei ihr.

Nur am Rande möchte ich noch erwähnen: Katholische Theologen machten sich viele hundert Jahre Gedanken, ob Frauen überhaupt Menschen seien; oder ob sie eine Seele hätten. Von der Tatsache, dass bereits 1896 ein Evangelium der Maria Magdalena, das die Lehren Jesu in einen entscheidend anderen Kontext stellt, in Kairo entdeckt wurde und später weitere Abschriften davon gefunden worden sind, habe ich im Schulunterricht nichts gelernt. Dafür habe ich sehr lange geglaubt, Männern fehle eine Rippe. Wegen Eva.

Ja, ich weiß, wir sind heute irgendwie woanders. Warum ich mich dann mit dieser Geschichte aufhalte? Ich glaube, es ist wichtig, unsere Entwicklungslinien zu kennen. Im Jugoslawienkrieg der 1990iger Jahre gehörte eine 1000 Jahre vorher verlorene Schlacht zu den auslösenden Faktoren des gegenseitigen Hasses. Als Gesellschaft wissen wir durch die Erforschung psychischer Belastungen von Kriegskindern und Kriegsenkeln über die transgenerationalen Weitergabe von Traumata Bescheid.

Selbstverständlich werden auch andere als Kriegstraumata weitergegeben. Z.B. die Traumata, die, sagen wir mal, in den vergangenen 5000 Jahren, mit dem Frausein einhergingen. Das bedeutete, u.a., ohne Stimme zu sein und ohne Rechte, abhängig von Vätern, Ehemännern, Söhnen. Objekt sexueller Kriegsführung. Kriegsbeute. Haushalts-, Bett – und Gebärsklavin. Aus Heirats- und/oder machtpolitischen Gründen in hohe Türme eingesperrt, hinter Klostermauern abgestellt, oder, als Hexe, verbrannt zu werden.

Solches Material ist auch in weibliche Identität eingewebt. Unbewusst, natürlich. Lesen Sie Pat Barkers „Die Stille der Frauen“ . Die Autorin erzählt ein Kapitel des Odyssee Epos aus der Sicht einer königlichen Kriegsbeute, aus Sicht von Briseis, die gerade noch ein Reich, Brüder und einen Gatten hatte, und nach der Vernichtung ihres Volkes und ihrer Familie Achilles zufällt. Zur freien Verfügbarkeit. Das entscheidende ist gar nicht so sehr das Thema der Versklavung. Sondern, dass sich der Alltag der gefangenen Frauen im Kriegslager nicht wirklich einschneidend ändert.

Ich meine, ein entscheidender Faktor beim Verändern der Umstände ist, zu begreifen, dass und wie  Belastungen der Vorfahren weiter gegeben werden. In unserer DNA sind der Schmerz und die Unterdrückung der Frauen vor uns verankert. Übrigens, nicht nur in der weiblichen DNA. Es geht mir bei diesem Erinnern nicht um Kampf oder Rechthaben. Es geht mir um ein Feld, in dem die Nachwirkungen der Geschichte sein dürfen, was sie sind. Prägend gegenwärtig. Wahrnehmen, was ist, ein wesentlicher Schritt auf dem Weg zur Heilung

Wusstest du, dass bis 1977 Frauen nach dem Bürgerlichen Gesetzbuch nur berechtigt waren, „erwerbstätig zu sein, soweit dies mit ihren Pflichten in Ehe und Familie vereinbar ist.“? Und dass der Ehemann das beurteilen durfte, denn seine Ehefrau brauchte seine Erlaubnis zum Arbeiten; und er konnte ihren Arbeitsvertrag ohne ihre Zustimmung eigenständig kündigen.

Im Moment rege ich mich gar nicht auf. Im Moment bin ich nur traurig, wenn ich an die vielen eingesperrten und ungelebten Leben denke. An das, was nicht gedacht, getan, geschaffen wurde, weil es für Frauen nicht vereinbar war mit ihren familiären Pflichten. In meiner Praxis begegne ich immer wieder Frauen, die nicht aufs Gymnasium und nicht studieren durften, obwohl dies ihr ausdrücklicher Wunsch war.

Virginia Woolf fragte 1928 provokant, was wäre aus Shakespeares gleichbegabter Schwester geworden, hätte er denn eine gehabt? Und wies in ihrem berühmten Essay „Ein Zimmer für sich allein“ darauf hin, dass Frauen aufgrund ihrer Aufgaben im Haus so gut wie keine Privatsphäre, schon gar kein eigenes Zimmer und also keinen Raum für Kreativität hatten. Während Künstler-Männer traditionell von Ehefrauen, Schwestern, Musen rundumversorgt wurden, damit sie sich der Entfaltung ihrer Talente widmen konnten, hatten Frauen nicht nur keine Unterstützung, sondern waren mit der ganzen Wucht der Vorurteile gegen denkende und frei handelnde Frauen konfrontiert. Stichwort: Blaustrumpf.

Ich habe versucht, so einem Leben nachzuspüren, in dem es so gut wie keine ruhige Minute gab, und die Aufgabenbereiche zu skizzieren, die von Frauen wahrgenommen werden mussten, indem ich über meine Großmutter nachdachte.

Als vor einem Jahr der erste Lockdown begann und plötzlich all das auf den Tisch kam, was wir vorher wussten, aber nicht wirklich sehen wollten, befand sich in diesem Potpourri auch die ungleich größere Belastung von Frauen, nicht nur, weil plötzlich die Kinderbetreuung wegbrach. In einem ZEIT Interview vom September 2020 sagte die Management-Professorin Linda Scott „Frauen sind die größte Unterschicht der Welt“. Sie ist besorgt, dass Frauenrechte über Nacht wieder verschwinden könnten.

Ja, wir sind heute schon etwas weiter als 1977. Aber warum verdienen weibliche Berufstätige insgesamt 20% weniger als männliche, was übrigens auch für Tätigkeiten in der Lehre und Forschung gilt: Professorinnen sind deutlich schlechter bezahlt als ihre männlichen Kollegen? Wer kann mir das plausibel erklären? Forschen Frauen schlechter? Arbeiten Frauen schlechter?

Was sich jedenfalls gerade entscheidend verändert, das ist die Sprachregelung. Ich bin immer entzückt, wenn ich die Lücke im Radio höre. Da öffnet sich der Raum plötzlich für alle möglichen Formen von Identität. NDR Kultur hat unter den Zuhörenden eine Umfrage durchgeführt, wie sie die neue Sprachregelung denn fänden. Viele fanden sie sehr gut, nicht wenige waren dagegen, führend unter den Gegnern: Männer. Natürlich brauchen die keine Lücke. Sie waren ja immer sowieso gemeint.

Ich wünsche mir viele solchen Lücken. Lücken zum Innehalten. Lücken, um aufmerksam zu sein, auch für unentdeckten Schmerz. Lücken, um Anderes und Neues hineinzudenken. Lücken, um Alles willkommen zu heißen. Lücken haben Sprengkraft. Erinnere dich daran, dass in Mauerspalten Bäume wachsen und wir also Gärten in sie pflanzen können!

Mir gefällt, dass der Internationale Frauentag in Berlin ein Feiertag ist. Großartige Lücke, so ein Feiertag.

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