Erzbischof Tutu, das Bundeskraftfahrtamt und ich

Vor ein paar Tagen sprang ich regelwidrig in einen ICE. Mein Metronom wartete auf dem gegenüberliegenden Gleis. Zur Weiterfahrt fehlte ihm das Wechselpersonal. Ich hatte einfach keine Lust mehr, auf nicht vorhandenes Personal zu warten.

Warten ist eine interessante Angelegenheit mit unzähligen Facetten. Es bringt uns oft in den Harnisch. Das ständige Pendeln zwischen Hoffnung und Enttäuschung ist anstrengender, als wir annehmen. Wir besuchen mit Blick auf die Uhr ein kleines bisschen die Zukunft, um schnell wieder von der Gegenwart mit den Tatsachen konfrontiert zu werden. Hoffnung. Enttäuschung. Hoffnung. Enttäuschung. Ein recht ruckeliger Tanz im Wechselschritt.

Die beste Medizin fürs Warten? Gar nicht erst aus der Gegenwart fortgehen. Atmen. Annehmen, dass das wichtige Treffen nicht stattfinden kann, weil uns kein Helikopter aus dem 3 spurigen Stau herausholt.

Aus dem Buddhismus stammt der Hinweis:

„In einer schwierigen Lagen, prüfe alle Möglichkeiten, zu handeln.
Wenn du nicht handeln kannst, entspanne dich.“

Das macht Sinn. Nicht nur beim Warten in Zügen.

Ich blickte zufällig aus dem Fenster, ich hätte ja auch in meinem Buch weiterlesen können, als der ICE einrollte. Blitzschnell alles einpacken. Hinausspringen. Hineinspringen.

Freudig im Sitz eingerichtet, werde ich vom jungen Schaffner entdeckt, der seinen Besitzstand an Passagier*innen mittels eines Tablets überprüft. Er klärt mich darüber auf, der Hinweis auf den Bahnsteiganzeigen – NICHT EINSTEIGEN – sei genau so gemeint. KEIN ZUSTIEG! Der Zug hat nur noch 3 Stationen bis zum Zielbahnhof zu absolvieren. Neue Mitreisende passen nicht ins Konzept. Ich präsentiere mein für ICE gültiges Ticket. Das will der Schaffner gar nicht sehen. Sein System kann es nicht verarbeiten. Es hält sich an die Vorschrift.

Etwas später springe ich aus der S-Bahn wieder heraus. Ich habe mich im Gleis vertan. Die Türen gehen schon zu. Ich habe sie nicht berührt. Glück gehabt.

Denn: wer den Schließvorgang unterbricht oder behindert, verursacht Wartezeiten.

Folge: Das System muss sich neu sortieren und braucht gegebenenfalls die ordnende – analoge – Hand des Zugführers.

Woher ich das weiß?

Als vor einigen Jahren der Hamburger Verkehrs Verein die neuen Superzüge in Betrieb nahm, gab es eine weitgestreute Kampagne, die vermutlich ziemlich erfolgreich alle Über-Ichs der Kundin*nen auf die neue Linie einnordete. Bei mir hat‘s jedenfalls funktioniert: wer sich reinzwängt oder durchzwängt, verursacht Verspätung. Zum Nachteil aller Mitreisenden. Illustriert durch bös blickende Strichpersonen. Die alten Züge hatten kein Problem mit kleinen Abweichungen von herkömmlichen Einstiegsgewohnheiten.

Ich stelle mir vor, wie viele Menschen, gerade weil sie sich regelwidrig hindurchgezwängt haben oder gegen dir Vorschrift zugestiegen sind, rechtzeitig zu den wichtigsten Ereignissen ihres Lebens kamen:  Prüfung, Geburt, Beerdigung, 1. Arbeitstag.

Hast du auch eine Erfahrung mit regelwidriger Rechtzeitigkeit?

Warum ich das frage?

Weil mich diese kleinen Verschiebungen interessieren. Diese schrittchenweise Veränderung unserer äußeren Verfasstheit, unserer Rahmenbedingungen.

Menschen erfinden nach den Bedürfnissen des technischen Fortschritts neue Regeln. Die Betonung liegt auf „Bedürfnisse des technischen Fortschritts“. Nicht etwa menschliche Bedürfnisse. Mich hat keine*r gefragt, als sie meinen unmittelbaren telefonischen Zugang zu meiner Banksachbearbeiterin abgeschnitten haben. 

Allerdings, das Spannende an dieser äußeren Verfasstheit unseres Seins im 21. Jahrhundert, die sich kontinuierlich zur Automatisierung hin verschiebt: die neuen Regeln geben wir uns letzten Endes selbst.

Nein, natürlich hast du nicht die Anrufbeantwortersysteme der Großbanken, Konzerne und Verwaltungsbehörden erfunden. Doch weder du noch ich haben massenweise Konten  gekündigt oder lauthals vor Unternehmenszentralen protestiert.

Wenn du dich für das Thema marginale Regelverschiebungen im vorgeblichen und anfänglich vielleicht tatsächlich beachteten Gemeinwohl interessierst, lies Corpus Delicti von Juli Zeh. Zeh hat eine geniale Fallstudie über das Entstehen einer Gesundheitsdiktatur geschaffen, die die Menschen, um deren Leib und Leben es geht, zu Objekten eines übergeordneten Staatsziels degradiert. Dass das Staatsziel nur dann wirklich Sinn macht, wenn es den Menschen, die es schützen will, dient, ist ohne Belang für das Zweckräderwerk. Es läuft und läuft und läuft.

Warum wir diesen Fortschritt hinnehmen, der aus Verbraucherin*nensicht keinerlei Nutzen bietet?

Meine Antwort: Wir Menschen haben ein eingebautes Programm, das  Gruppenzugehörigkeit ins Zentrum sozialen Lebens stellt. In grauer Vorzeit war Gruppenzugehörigkeit Bedingung und Garantie fürs Überleben.

Gruppenzugehörigkeit braucht Regeln. Wie die Wahl zum Mannschaftssport in der Schule. Du rein. Du raus. Deshalb sind wir so gut im Erfinden von Regeln und im Großen und Ganzen auch bereit, uns daran zu halten. Regeln versprechen Sicherheit. Vor allem aber sind Regeln eins: ausgrenzend.

Die Regeln des technischen Fortschritts grenzen Menschen aus. Mir scheint, wir befinden uns schon länger in einem Zeitalter, das jenseits sinnhafter technischer Fortschritte im Konsumbereich liegt. Bei sinnhaft denke ich an: Kühlschrank. Waschmaschine. Geschirrspüler. Ich denke auch an großartige Zugverbindungen in kleinste Orte. Ehrlich gesagt, würde ich im Regionalverkehr lieber aufs WLAN verzichten und dafür die Gelegenheit haben, während der Fahrt einen Fahrschein zu erwerben. Direkt bei der Schaffnerin.

Erzbischof Desmond Tutu erklärt im „Buch der Freude“ das südafrikanische Prinzip des Ubuntu.

„Ein Mensch wird erst durch andere Menschen zum Menschen“.

Ubuntu ist ein Prinzip des Miteinanders und der Teilhabe. Über Grenzen hinaus.

Das ist ein Satz, der mich immer wieder beflügelt. Weil ich immer wieder merke, wie ich in der Resonanz zu anderen Menschen mich selbst besser kennenlerne; wie ich mein Mitgefühl schulen und wie ich üben kann, freundlich zu meiner inneren Beschränktheit zu sein, auf die ich anders gar nicht stoßen würde. 

Am Abend des Tages, an dem ich so viel hin- und hergesprungen bin, fahre ich mit dem Taxi über Land. Der letzte Zug, der mich hätte nach Hause bringen können, wurde ersatzlos gestrichen.

Der Taxler ist recht zügig unterwegs. Er hat eine App in Betrieb, die ihn vor Blitzern warnt.

Ich als gelernte Juristin, das muss ich jetzt gestehen, habe eine gewisse Affinität zu Regeln. Und frage mich, ob die Passagierin verpflichtet sein könnte, einzuschreiten, wenn ihr Fahrer sich einen illegalen Überblick verschafft.

Allerdings hat der Taxler ein durchaus nachvollziehbares Interesse, den Beginn seines wohlverdienten Feierabends wird er sowieso weit überziehen.

Was lerne ich über mich, wenn ich mir solche Gedanken mache? Ich denke an Ubuntu.

Dann denke ich an das Kraftfahrbundesamt. Das sich schon lange zur Ruhe gebettet hat. Und vielleicht von einem Taxler träumt, der aus gutem Grund recht zügig unterwegs ist, und sich freut, nicht einschreiten zu müssen.