Vor ein paar Wochen wurde ich gefragt, was mein Motto für 2021 sei. Ich hatte noch nie ein Motto für ein neues Jahr. Da wir gerade permanent im Noch Nie Modus leben – warum also nicht ein Jahresmotto!
Die Antwort fiel mir unvermittelt zu: Freude kultivieren. Als Fokus dessen, was ich beruflich auf die Beine stellen will; und generell als Überschrift für mein Sein in der Welt.
Warum ich nun Freude wählte? Warum nicht Gelassenheit kultivieren? Oder Zuversicht? Oder Hoffnung?
Ich meine, Freude ist uns am leichtesten zugänglich. Das bedeutet auch, wir können sie sehr einfach üben.
Vor langer Zeit, in meinen Anfangsstudienjahren, las ich Der Gott der kleinen Dinge. Ich habe keine Erinnerung an den Inhalt des Buchs. Lediglich die Überschrift ist bei mir hängen geblieben. Vielleicht ist die Freude der Gott der kleinen Dinge. Es braucht nur einen Tautropfen oder einen Kieselstein, dessen Quarzeinschlüsse in der Sonne glitzern, oder ein bequemes Kissen zur Nachtruhe.
Wenn du jetzt die Stirn runzelst und dich fragst, ob sich Freude tatsächlich üben lässt , die Antwort ist: Ja. Wir können unser Empfinden von Freude ebenso einüben wie z.B. Dankbarkeit. Die beiden gehören übrigens zusammen wie Zwillinge. Von der Freude ist es ganz nah zur Dankbarkeit. Und umgekehrt.
Ich kann berichten, dass mein Motto etwas mit mir macht. Bei fast allem, was ich tue, stellt sich mir irgendwann die Frage, wo steckt hier die Freude? Finde ich einen Ansatzpunkt zum Freude Kultivieren? Tatsächlich fällt es mir oft leicht, den Freudekern aus meiner Tätigkeit herauszuschälen. Und manchmal ist es ganz schön schwer.
Ich leere den Briefkasten und beim Zurückgehen über den Kiesweg macht sich mein Fuß bemerkbar. Ich fühle, wie er sich abrollt. Wie die Sohle des Schuhs meinen Spann massiert. Ich lächle. Das Gefühl ist so angenehm. Die letzten Meter bis zur Haustür lege ich mit geschärften Sinnen zurück. Schritt für Schritt kommt der Eingang mir entgegen. Meine Fußsohlen werden massiert. Ich höre das Geräusch meines Gewichts auf den Kieseln.
Und dann, eine ganz andere Geschichte. Auf dem Weg zum Bahnhof linker Hand die frei lebende Rinderherde, an der ich oft vorbeifahre. Ihr Zuhause ist eine großflächige, von Baumbestand begrenzte Wiese. Die Kühe stehen in der Nähe der Bäume, dicht gedrängt, aber nicht so dicht, dass da gar kein Abstand mehr wäre zwischen ihnen. Es scheint eine Ordnung zu geben, die einem sozialen Gefüge Ausdruck verleiht. Sie stehen vollkommen still. Als hätten sie aufgehört zu atmen, als sei die Zeit angehalten worden und eingefangen im Standbild des Films, der sonst vor meinem Auge abläuft. Nur die beiden Kälbchen berühren sich, Stirn an Stirn, und das eine ruckt ein bisschen mit dem Maul.
Mich ergreift die Bewegungslosigkeit und die Stille der Tiere. Ich weiß nicht, was ihr Anblick in den Resonanzkammern meines Unbewussten anstimmt. Vielleicht ist es die Unbeweglichkeit und Beziehungslosigkeit, die ich wahrzunehmen vermeine. Jedenfalls ist es mehr als die Sorge, wie es Kühen geht, wenn sie so ohne Schutz vor dem seit Stunden herab strömenden Regen bei 2° Celsius auf der Weide stehen.
Ich merke, ich könnte mich verlieren in Melancholie und Bedauern und Schwere. Ich frage mich, muss ich dem nachgehen? Mein phantasiebegabter und assoziationsgeschulter Geist entwickelt hurtig ein paar Annäherungen auf die Frage: „Warum fühle ich jetzt gerade das?“. Allerdings weiß ich schon lange, dass ich nicht jedem Stöckchen hinterherrennen muss, das mein Geist mir hinwirft. In diesem Moment begreife ich auf einer körperlichen Ebene: Für Freude kann ich mich bewusst entscheiden. Genauso wie sich eine Entscheidung fürs Grübeln und/oder Schwerfühlen treffen lässt. In jedem Fall gibt es eine Wahl.
Was wählen wir gemeinhin?
Was ist regelmäßig deine erste Wahl?
Letztes Wochenende beginnt der größte Artikel auf Seite 1 in unserem Generalanzeiger mit dem Satz, dass nun die Lebensfreude den Bach hinunter gehe. Natürlich will ich sofort mehr darüber wissen. Doch hat der Artikel überhaupt nichts mit Freude oder Lebensfreude zu tun. Na prima, denke ich, jetzt kann sich der ganze Landkreis die Geschichte von der den Bach hinunter gehenden Lebensfreude erzählen, weil irgendein Mensch das so behauptet und es kontextlos veröffentlicht wird.
Wir sind die Geschichten, die wir uns erzählen. Wir sind der Fokus, den wir leben. Es ist immer eine Entscheidung, welche Geschichten ich mir über mich und das Leben erzähle, wohin ich meinen Fokus richte.
Yoko Ono hat ein wunderbares Buch geschriebenen und mit Zeichnungen versehen, das unentwegt zur Fokusänderung einlädt. Z.B. auf diese Weise:
Himmelsstück IX
Der Himmel ist nicht nur über unsren Köpfen.
Er streckt sich bis runter auf die Erde:
Immer wenn wir den Fuß vom Boden heben,
laufen wir im Himmel.
Laufe mit diesem Wissen durch dir Stadt.
Überlege, wie lange du heute im Himmel gelaufen bist.
aus „Acorn“ (Yoko Ono)