Chartres, Mai 2026

Ich habe eine knappe Woche buchstäblich im Schatten der Kathedrale von Chartres verbracht. Ich habe mich abgearbeitet an diesem Bau, am Patriarchat, am vermittelten Frauenbild, an den Kreuzzügen, am Herrschaftsanspruch. Und dann wurde es plötzlich leicht. Es ging nicht mehr um die Kathedrale, sondern um das, was darunter liegt.

Es geht immer um das, was darunter liegt.

Unter der Kathedrale in ihrer sichtbaren Form liegt übrigens eine romanische Kirche, mit ihrem geborgenen, menschlichen Maß. Mit einer Maria, die eine Krone aus Eichenblättern trägt.

Und 33 Meter unter der Unterkirche liegt ein altes druidisches Heiligtum, ein Brunnen. Egal, an welchem Platz ich mich dort niederlasse, ich sitze an diesem Brunnen und seiner nicht versiegenden Kraft.

Das Bild in der Mitte zeigt Rilkes Engel. „Dann sang der Engel seine Melodie“ hieß das Seminar, an dem ich teilnahm. Rilke war in Chartres, sogar mehrmals, und hat sich an der Kathedrale abgearbeitet 😊.

Mosaiksteine aus Chartres

Stille
Jeden Morgen treffen wir uns in der Kapelle
die Fenster stehen offen
kühl weht die Luft ins Schweigen
über uns ragt die Kathedrale
unter den Bänken tanzen Staubfäden im Wind

Klang
In die Andacht der Kathedrale hinein
fräsen hämmern sägen die Orgelbauer
dann klingt die Glocke
dann klingt die Stimme der Meisterin aus der Empore
dann klingen Schrauben und Nägel
und die ganze Zeit brennt das ewige Licht

Fundamente
Vor dem Nordportal stehen beide
Melchisedek schmal verhalten
innwendig gedreht im heiligen Raum
und eckig Petrus mit rasselnden Schlüsseln
hinausgestülpt zu den Insignien der Macht
der Stein unter seinem Fuß aber wirft sich auf

Himmelfahrt
Am Hochaltar die Maria hat die Schwerkraft
noch nicht überwunden.
Hart schieben Engel sie über die Wolken.
Grundliegendes Missverständnis:
dass irgendeine Kraft der
Mutter des Kosmos
aufhelfen müsse.

Politik
Der Hl. Franz ist überall!
Die Spatzen & Tauben
tanzen gurren zwitschern singen
& verschmutzen die steinernen Köpfe,
Franz, leibhaftig gegenwärtig,
würde tanzend, singend & fluchend
das Dach einreißen.

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