Gaben und Geben
1993 in London hörte ich meine erste Puccini Oper, La Bohème. Ich war hypnotisiert von der Eröffnungszene, in der Rodolfo, der Schriftsteller, Manuskriptblätter verbrennt, damit es in der Künstler WG ein bisschen wärmer wird. Ein Maler, ein Philosoph und ein Musiker teilen sich mit ihm die Wohnung. Es ist Weihnachten, sie frieren, das Papier ist schnell von den Flammen verzehrt. Der Musiker bringt einen Auftrag , Geld und gute Laune nach Hause, am Ende sind sie alle fröhlich und gehen in die Kneipe zum Feiern. Doch das Manuskript ist weg, die Worte sind Asche.
Heute noch sehe ich das Bild lebhaft vor mir: Mitten auf der Bühne ein großes, ausgedientes Ölfass, Rodolfos Manuskripte gehen in Rauch auf,
die göttliche Eingebung fliegt zum Himmel zurück,
singt er.
Und gibt es etwas Schrecklicheres?
Mir ist erst ein paar Jahre später wieder eingefallen, dass ich als Kind Schriftstellerin werden wollte, ich glaube nicht, dass ich das jemanden erzählt habe, ich schrieb zwei historische Romane in Schulhefte, der eine handelte von einer Spionin während des Spanischen Unabhängigkeitskriegs gegen Napoleon, die mit ihren Kastagnetten Botschaften an Verbündete übermittelte.
Mit dreizehn war ich dann schon vernünftig geworden und verkündete, die erste Notarin Bayerns werden zu wollen.
Aber kann ein Mensch etwas werden, das er oder sie gar nicht ist?
Sobald sich eine Gabe in uns reget, sind wir aufgerufen, sie zu entwickeln. Beim Heranreifen eines Talents findet ein beiderseitiges Ringen statt. Die Gabe setzt ihre Energie frei, solange wir ihr dafür aufwarten,
schreibt Lewis Hyde in seinem Buch (deutsch vergriffen) „Die Gabe: Wie Kreativität die Welt bereichert“.
Weiter schreibt er:
In der künstlerischen Gabe liegt nichts, was automatisch für eine Bezahlung bürgen würde, eher im Gegenteil.
Das sind keine guten Aussichten für kreative Menschen. Im Haus meiner Großeltern hing eine Reproduktion von Spitzwegs „Der armer Poet“. „Der Gabe aufzuwarten“ bringt kein Geld in die Haushaltskasse, zündet den Ofen nicht an, repariert kein Dach, durch das es tropft.
Unsere ökonomischen Grundregeln sehen nicht vor, kreative Leistungen wegen ihres Beitrags für die Menschheitsgemeinschaft zu honorieren. Sie müssen dem Markt gerecht werden. Das bedeutet auch, sich gegen die Flut von kostenlos verfügbaren Inhalten zu positionieren. 2002 hat die Werbeagentur Matt von Jung für Saturn den Slogan „Geiz ist geil“ entwickelt. Haben ist alles, Inhalt ist nichts, würde ich das übersetzen.
Im Drugstore an der Ecke können meine Nachbarn und ich jetzt eine Reihe von Liebesromanen kaufen, die alle einer durch Marktforschung ermittelten Formel entsprechen,
stellt Hyde in der Einleitung zu „Die Gabe“ fest.
Für die Verlage liegt darin Geld, dem Geschmack des Marktes zu dienen. Ich stelle mir vor, das sind die Bücher, die demnächst ChatGPG verfassen wird.
Dennoch glaube ich nicht, dass Menschen, die Texte schreiben jenseits der Marktforschungskriterien, jemals überflüssig werden. Das Brotverdienen kann kaum schwieriger werden. Meine Frage ist eine ganz andere:
Wie wollen wir als Gesellschaft mit Kreativität umgehen? Wie wertschätzen wir die Inspiration, die unser Herz öffnet, die unsere Augen funkeln lässt und die uns Wege weist? Wie honorieren wir Leistungen, die zwar kostenlos verteilt werden, und trotzdem Stunden um Stunden Arbeits- und Lebenszeit verschlingen?
Ich stelle diese Fragen nicht nur als Konsumentin, sondern auch als Kreative, und im Hinblick darauf, dass ich am 19. April 2022 mir selbst gegenüber die Verpflichtung eingegangen bin, die Freitagsbriefe, die ich damals mehr als zwei Jahren kostenlos verschickt hatte, in ein Mitgliedschaftsmodell umzuwandeln.
Das war nicht meine eigene Idee. Ich wäre nie darauf gekommen und habe mich lange gewehrt, bis ich irgendwann begriff: Ich lebe unter so großem Druck, weil ich immer das Gefühl habe, ich arbeitete nicht genug. Die Ressourcen an Zeit und Geld, die ich in meine #Freitagsbriefe investierte, zählte ich nicht als Arbeit. Dabei war und ist das meine Hauptbeschäftigung. Denken, lesen, schreiben.
Eine meiner Heldinnen, Maria Popova, erinnert in ihrem außergewöhnlichen Newsletter „The Marginalien“ an die vielen tausend Stunden und Dollars, die sie jedes Jahr aufwendet, um ihre Inhalte Leser*innen zur Verfügung zu stellen. Donating = Loving schreibt sie. Sie schreibt auch: My Labor of Love.
Beides bringt es auf den Punkt. Es ist eine Arbeit der Liebe, die Gabe zu entfalten, die sich regt. Und es ist ein Akt der Wertschätzung (wir Deutschen nehmen Liebe eher weniger großzügig und schon gar nicht im Kontext mit finanzieller Unterstützung in den Mund), diejenigen liebevolle zu unterstützen, die uns Türen öffnen, Pfade in der Wildnis zeigen, die neue Wege tanzen, die unbekannten Welten übersetzen.
Franz Kafka meint, ein Buch muss die Axt sein für das gefrorene Meer in uns. Für meinen Geschmack etwas theatralisch, doch natürlich trifft das zu: Worte, Bücher, haben die Kraft, uns zu öffnen und zu neuen Einsichten zu bewegen.
Shelley schreibt in seinen Skizzen „On Love“ von der Beredsamkeit des zungenlosen Winds, der Melodie des Bachs und dem Raschelns der Weiden, die alle, kraft ihrer unbegreifbaren Beziehung zu etwas innerhalb unserer Seele, einen Tanz atemlosen Entzückens entfachen, uns in mysteriöser Weise berührbar machen.
There is eloquence in the tongueless wind, and a melody in the flowing brooks and the rustling of the reeds beside them, which by their inconceivable relation to something within the soul, awaken the spirits to a dance of breathless rapture, and bring tears of mysterious tenderness to the eyes.
Virginia Woolf hat nicht nur Sprachlandschaften umgepflügt, sondern das Verständnis der Gesellschaft, was Frauen vermögen, was ihnen verwehrt wurde, was gebraucht wird, um das zu verändern, durch ihren Essay „A Room of One`s Own“ grundlegend verändert.
David Foster Wallace war gleichfalls ein Künstler des Pflugs im Aufreißen alter Gewohnheiten, gleichzeitig hat er durch seine Rede anlässlich der Abschlussfeier 2005 im Kenyon College „This is Water“ nicht nur die anwesenden Student*innen, sondern unzählige Menschen weltweit einen Kompass in die Hand gegeben, der zu einem mitfühlenden Leben zeigt.
Das sind alles weltberühmte Namen. Doch bringen die, die in kleinem Kreise wirken, insgesamt weltweit nicht weniger in Bewegung. Ich schreibe jetzt nur von Literatur, doch was ich sagen will, ist: Es ist so geil, was Menschen, die denken, fühlen, reden, sehen, malen über die Welt aussagen.
Hyde sieht übrigens jegliche Form von Kreativität, nicht nur die der „schönen Künste“, sondern z.B auch die von Naturwissenschaftler*innen, als ökonomisch unverfügbar an, als Gabe, die ausdrücklich kein Wirtschaftsgut ist, sondern nur verschenkt werden kann, ja, verschenkt werden muss, damit die Menschheit insgesamt einen Nutzen daraus ziehen kann.
Wer etwas geschenkt bekommt, kann sich mit Geiz ist geil gemein machen. Oder wach werden für den unbezahlbaren Wert, der dem Geschenk innewohnen könnte.
Die Menschen, die von der Muse geküsst wurden, haben keine andere Wahl, als ihre Ideen, Fähigkeiten, Vorstellungen, Gaben in die Welt zu bringen.
„Es gibt nur einen Mangel, habe ich heute Morgen beschlossen, nämlich nicht in der Lage zu sein, denen, die man am meisten liebt, seine Gaben zu gewähren. Die nach innen gerichtete, also nicht weitergebbare Gabe wird zu einer schweren Last, manchmal sogar zu einer Art Gift. Es ist, als staute sich der Strom des Lebens.“
zitiert Hyde die Dichterin und Schriftstellerin May Sarton.
Meine Idee heute: Adoptiert eine*n Künstler*in, einen kreativen Menschen und deren Projekte. Gebt, was möglich ist. Es kommt nicht auf die Summe, sondern die Wertschätzung an. Seid achtsam dafür, dass jeder kreative Inhalt Labor of Love ist und viel viel viel Zeit in Anspruch nimmt.