Als Teenager wünschte ich mir ein silberneres Armband aus dicken Kettengliedern. Mein Wunsch wurde erfüllt, doch ich erinnere mich weder daran, wer es mir schenkte (möglicherweise mein Vater), noch daran, was aus dem Armband wurde.

Zwischen den Kettengliedern war eine glatte Plakette für eine Gravur eingefügt. Bei mir stand nichts. Ich wollte etwas Tiefschürfendes an meinem Handgelenk tragen und fragte auch meinen Lateinlehrer nach Vorschlägen. Es durfte nicht zu lang sein, so viel hatte auf der Plakette nicht Platz.

Der Lateinlehrer, über den ich schon einmal in einem Freitagsbrief geschrieben habe, mich allerdings im Moment nicht mehr erinnere, in welchem Zusammenhang, schlug „Nosce te Ipsum“ vor.

Erkenne dich selbst.

Am Ende bekam die Plakette keine Inschrift und meine Liebe zu dem silbernen Armband erlosch bald.

Geblieben ist mir allerdings die ewig endlose Aufforderung, mich selbst zu erkennen.

Wenn ich mir selbst nicht auf die Schliche komme, wer sollte es dann tun? Die Frage stelle ich nicht zum ersten Mal.

Ende November in London. Weihnachtsbeleuchtung in den Straßen. Ein Buch in der Reisetasche, das ich seit längerem wieder lesen möchte, „Orlando“ von Virginia Woolf.

Orlando ist ein junger Edelmann, Favorit der alternden Königin Elisabeth I., einer der liebt und leidet, auf der zugefrorenen Themse tanzt, bei Hof in Ungnade fällt, viel denkt und still sitzt, in die Ferne aufbricht, eines Morgens als Frau wieder erwacht, schließlich im England der 20ziger Jahre des letzten Jahrhunderts lebt, als wäre nichts selbstverständlicher, als durch die Zeiten zu gleiten und das Geschlecht zu wechseln.

Kurz vor Antritt der Reise öffne ich das Buch, auf dem Titelblatt steht, mit Bleistift geschrieben: „London, Nov 1993 / gel 29.4.94“.

Ich erinnere mich an die junge Frau, die ich 1993 war, vier Monate meines Lebens habe ich in London verbracht.

Meine Erinnerung ist zusammengesetzt aus Mosaiksteinchen, aus Wahrheit und Fiktion. Aus dem, was ein Autobiograph, dessen Rolle Virginia Woolf gegenüber ihrer Figur Orlando einnimmt, zweifelsfrei ermitteln kann, (Anstellungsverhältnis, Wohnadresse, Lebensalter, monatliches Gehalt), und aus einem Haufen von Unwägbarkeiten.

Dazu gehört, was ich wahrnehme, was andere an mir wahrnehmen und über mich gesagt hätten, wären sie befragt worden, dazu gehört der Moment an einem grauen Tag gegen Ende meines Aufenthalts, als ich nach dem Besuch eines Buchladens in der Kings Road mich vor einem Wolkenbruch unter das Dach einer Wartestelle für Busse flüchtete, und zusah, wie der Bürgersteig binnen Kurzem überflutet wurde. Das Wasser drang in meine Schuhe, spritzte meine Beine hoch, in meiner Erinnerung war es ein ganz bestimmtes Buch, das ich gekauft hatte, das mein Leben in der Folge entscheidend beeinflusste, nur weiß ich in Wahrheit gar nicht, ob der extreme Regenguss und der Erwerb jenes Buches wirklich zusammenhängen.

Das Buch habe ich mit Sicherheit gekauft, den Wolkenbruch in der beschriebenen Weise erlebt. Beides geschah in London. Doch vielleicht hat es meine Erinnerung zusammen gedacht. Ich kann allerdings mit Sicherheit ausschließen, das Buch an einem Sommertag gekauft zu haben.

Ich schreibe „mit Sicherheit“ und denke im gleichen Atemzug: Wirklich?

Im ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhundert komponierten die Pointillisten ihre Bilder aus unendliche vielen kleinen Punkten. In der Gesamtschau ergibt sich eine etwas pixelige Gesamtfläche, im Detail sind tausende Pinseltupfer aneinander gefügt.

In gewisser Weise hat Lichtenstein die pointillistische Idee mit anderen Mitteln fortgeführt, als er ab den 1960ziger Jahren große Comicbilder malte, auf denen die groben Pixel zu sehen sind, die in Comicheften durch die Drucktechnik entstanden.

Dass ich als Betrachtende die Komposition der Bilder nachvollziehen kann, dass ich die Einzelelemente sehe, die isoliert wie kleinste Inseln auf der Leinwand stehen, hat mich als Jugendliche fasziniert. Es ist unmöglich, die Bestandteile, die die Oberfläche bilden, mit einem Blick zu erfassen. Doch sind sie zu jedem Zeitpunkt unseres Lebens da, die Bausteine, aus denen sich unser Sein in der Welt zusammen setzt.

Auch die Dinge, die ich schon lange nicht mehr in meinem aktiven Gedächtnis wiederfinden kann, die Momente tiefsten Schreckens und tiefster Freude, jeder Atemzug trägt bei zu der Substanz, die ich bin. Auch der Lateinlehrer und der Mensch, der mir das Silberarmband geschenkt hat, jedes Wort, das ich geschrieben habe und die Leser*innen meiner #Freitagsbriefe.

Virginia Woolfs Orlando denkt über die vielen tausend Selbsts nach, die sie ist,

„eins auf das andere gestapelt, wie Teller in der Hand eines Kellners, (sie) haben unterschiedliche Anhänglichkeiten, Sympathien, kleine eigene Grundgesetze und Rechte………, eines kommt nur, wenn es regnet, ein anderes kommt in einem Zimmer mit grünen Vorhängen, ein anderes, wenn Mrs. Jones nicht da ist……“.

Es ist unmöglich, die vielen Selbst zu kennen oder gar beim Namen zu nennen.

Die vielen tausend Farbtupfen, die mich ausmachen.

Was ist das wahre Selbst, wer bin ich „in Wirklichkeit“?

Wie kann ich mich erkennen, wenn ich gar nicht erfassen kann, woraus ich mich zusammensetze?

In der National Portrait Gallery (NPG), in der eine Reihe von Porträts von Virginia Woolf hängt, finde ich mich unvermittelt inmitten von acht Porträts der Schauspielerin Judi Dench wieder, die im Lauf der Zeit für die TV Show „Artist oft he Year“ angefertigt worden sind.

Das Bild der Malerin Christabel Blackburn zieht mich besonders in Bann. Es scheint unvollständig ausgeführt. Dench sitzt in einem Sessel, ihr Gesicht sehr lebendig, ihr Gewand hellgrau, Sitzmöbel, Fuß, Ellenbogen scheinen zu verschwinden, die Bleistiftskizze ist sichtbar, doch die Farbe fehlt. In dem Festhalten des Ausdrucks zu einem bestimmten Zeitpunkt für alle Ewigkeit ist die Veränderung, die Auflösung schon angelegt.

Die Sitzende wird die Beine anders übereinander schlagen, ihre Hände anders arrangieren, aufstehen, fortgehen, ihr Mittessen zubereiten, an bestimmte Ereignisse in ihrem Leben denken, sich im Spiegel betrachten und einen ganz anderen Gesichtsausdruck an sich finden, zunehmen, abnehmen, die Kleider wechseln, usw..

Wir sind keine greifbare Oberfläche, wir sind nicht festgezurrt in aller Stattlichkeit, wie sich Heinrich VIII. auf dem berühmten Bild von Hans Holbein, das in der NPG ein paar Stockwerke höher hängt, präsentiert. Wir sind nicht unverrückbar.

Für mich der Kern des Selbst-Erkennens: Zu begreifen, dass nur ich denke, wie ich denke, dass meine Wahrheiten individuell gefärbt sind, dass ich flirre und changiere und mich zusammensetze größtenteils aus dem, woran ich mich gar nicht erinnern kann. Weil ich es in vorsprachlicher Zeit erlebte, weil es meine Eltern und Großeltern oder andere Menschen aus ferner Vergangenheit erlebten, weil ich vom überwiegenden Anteil der 31.563.000 Sekunden des vergangenen Jahres nichts mehr weiß.

Wesentlich im wieder und wieder neuen Selbsterkennen: Raum und Zeit finden und nehmen für die Beziehung zu mir selbst. Innehalten und fühlen, wie es um mich steht, weniger denken: So ist es.

Nicht erst seitdem ich „Orlando“ wiedergelesen habe, wünsche ich mir ein sehr gedehntes Leben, um all das unterzubringen, was mir die Selbsterkenntnis an Erkenntnissen beschert.