Ich schaue aus dem Fenster. Die Welt draußen ist von Reif überzogen und weil sich in diesem Moment zum ersten Mal seit längerem die Sonne blicken lässt, glitzert es adventlich zauberhaft. Vor ein paar Tagen musste ich aufgrund der anhaltenden Kälte meinen Freudepalast räumen, das ist mein kleines Bürohaus, ein umgebauter Schuppen, der sich bei dauerhaft niedrigen Temperaturen nicht mehr heizen lässt.

Als ich meine Sachen zusammenpackte, den PC unter den Arm klemmte, die Kabel aufrollte, Bücher, Aktenordner und Krams zusammentrug, merkte ich, wie traurig mich der Abschied stimmte. Ich gehe so gerne die paar Schritte durch den Garten, schließe zuerst das Haus ab und dann den Freudepalast auf. Dort bin ich ganz für mich, höre kein Telefon und komme auch eher nicht auf die Idee, den Kühlschrank nach einer Zwischenmahlzeit zu durchforsten, weil ich mich gerade von kreativen Holperwegen oder weniger geliebten Pflichtaufgaben ablenken möchte.

Natürlich müsste ich nicht hinter mir abschließen. Doch das gehört zum Ritual des in die Arbeit Gehens. Dies Ritual werde ich erst ab nächstem Frühjahr wieder pflegen können.

Erstaunt von meiner Trauer denke ich, jede Veränderung bedeutet einen Abschied, umschließt ein Loslassen. Etwas ist anders als vorher. Das andere Neue ersetzt das Alte. Selbst wenn ich zurückkehre, werde ich nicht ans Alte anschließen. Ich werde mich neu einrichten mit meinen Gepflogenheiten, an neuen Projekten arbeiten.

Ich frage mich, wieviel Trauer bemerken wir gar nicht in unseren alltäglichen Verrichtungen, weil sie nur klein aufblitzt und es uns leicht macht, sie zu übersehen. Es kann sein, dass sie irgendwann vehement aufbricht.

Vor vielen Jahren kam ich am späteren Abend nach Hause. Ich war aufgekratzt von einem Treffen mit Freuden, schaltete den Fernseher ein und landete bei einem Dokumentarfilm über Wolgadeutsche, deren Vorfahren die Zarin Katharina die Große im 18. Jahrhundert nach Russland geholt hatte. Sie wurden 1941 nach dem Angriff des Deutschen Reichs auf die Sowjetunion 1941 in sibirische Straflager deportiert und kehrten nie mehr an die Wolga zurück.

Die junge Reporterin spricht mit den Menschen, die vor mehr als einem halben Jahrhundert vertrieben worden waren. Ihre Sprache ist ein altertümliches Deutsch, das ihre Vorfahren aus der alten Heimat ins Reich der mächtigen Zarin mitgebracht hatten. Ich stelle mir vor, die Sprache hat als einziges relativ unbeschadet die zweifache Umsiedlung überstanden.

Die alten Männer weinen. Sie weinen ganz unvermittelt und offen und nicht in einer Weise, als würden sie sich der Tränen schämen, die ihre zerfurchten Gesichter bedecken.

Im aktuellen Hamburger Straßenmagazin Hinz & Kunz  „Wie gehen Sie mit Bettlern um?“ lese ich die Geschichten von Menschen, die ihre Heimat verlassen oder verloren haben, und dann strandeten.

Ich kann mich nicht abwenden, wenn mich jemand nach Geld fragt. Ja, ich bin auch genervt, wenn ich alle Hände voll habe, schnell von A nach B oder am Hauptbahnhof nach einem langen Arbeitstag einfach meine Ruhe haben will.

Doch ist es nicht möglich, ständig seine Ruhe zu haben in einer Welt, in der so viele Menschen auf der Straße leben und auf der Flucht sind.

Ich kenne immer noch die Verse und die Melodie des Lieds von Maria und Joseph aus dem Krippenspiel. Ich erinnere mich auch daran, wie ich meine Großmutter fragte, warum der Wirt seine Herbergstür nicht öffnete. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass es da nicht doch eine kleine freie Ecke gab.

Nein, ich finde nicht, dass wir uns dauernd grämen sollen. Ich finde auch nicht, dass wir jeweils persönlich verantwortlich sind für das Wohlergehen aller Menschen, denen es schlechter geht als uns selbst.

Ich finde allerdings, wir brauchen eine persönliche Haltung des Herzens, wenn Menschen uns um Geld, Essen oder eine andere Form der Unterstützung bitten, nicht eine Haltung des Verstandes. Der Verstand zählt an fünf Fingern die Argumente ab. Manchmal auch an zehn.

Das Herz denkt wie ein Kind, das alle an einer Tafel versammeln möchte.

Aus dem Bus sah ich diesen Mann, der in eine Decke gehüllt im Regen saß. Er braucht einen Schirm, dachte ich, und machte den Schirm zu meiner Mission. Ich kaufte einen Schirm, den ich ihm hinhielt. Er schüttelte den Kopf und erklärte mir, dass durch die Wölbung das Wasser zwar nicht auf seinen Kopf, aber auf seine Schultern, Beine und seinen Rücken fiel.

Anstelle des Schirms gab ich ihm einen Geldschein, den er geübt in Empfang nahm. Wir sprachen über Zigarettenpreise und über seine Hündin, die missmutig unter der Decke hervorschaute.

In anderen Kulturen ist Almosen geben eine ehrenvolle und selbstverständliche  Verpflichtung jenseits von Steuerbescheinigungen und Spendenabzugsfähigkeit.

Ich erinnere mich an einen Artikel in DIE ZEIT über die erste internationale Spendenaktion, die zustande kam, als in Irland große Teile der Bevölkerung verhungerten. Die Welt schloss sich zusammen, um das Elend zu lindern.

Arme Menschen gaben, was sie übrig hatten, Reiche mehr. Am tiefsten berührt hat mich der Beitrag eines Volks der amerikanischen Ureinwohner, die gerade ihrer Heimat beraubt und in ein Reservat gepfercht worden waren. Für sie war es ein Anliegen, denen zu helfen, die unter noch größerer  Not litten als sie selbst.

Kann es größere Not geben als den Heimatverlust?

Offensichtlich ja. Zumindest aus Sicht derer, die ihre Heimat verloren haben.

Jede Veränderung bedeutet einen Abschied, umschließt ein Loslassen. Etwas ist anders als vorher. Wir können in diesem Prozess mit einer Haltung des Verstandes an allen fünf oder zehn Fingern abzählen, was wir verloren haben.

Wir können diesen Prozess aber auch mit einer Haltung des Herzens durchleben. Das bedeutet Weichheit, Offenheit für den Schmerz und die eigene Verletzlichkeit. In erster Linie mag das sehr unangenehm sein. In zweiter Linie übersehen wir dadurch unsere Gefühle nicht. Die Gefahr, irgendwann überwältig zu werden, vom Unbeachteten, das sich plötzlich Bahn bricht, sinkt.

Geben und Abgeben ist für mich eine ständige Übung. Sie umfasst: 1. Mich zu erinnern, dass ich das Glück habe, alles zu besitzen, was der Mensch zum Leben braucht und mehr. 2. Mich zu erinnern, dass das alles sich in einem einzigen Augenblick ändern kann. 3. Anzuerkennen, dass Menschen die unterschiedlichsten Entscheidungen treffen aus den unterschiedlichsten Gründen und es nicht an mir ist, zu urteilen. 4. Mein Herz offen und flexibel zu halten, mich weder von meinem Mitmenschen noch von mir selbst abzuwenden.

Schon allein aus diesen Übungsgründen ist es mehr als angemessen, den Menschen, die mich auf der Straße um Geld bitten, einen kleinen Lohn zu zahlen als meinen Lehrer und Lehrerinnen.

Die ist nun alles und ist nicht genug.
Doch sagt es euch vielleicht, ich bin noch da.
Dem gleich ich, der den Backstein mit sich trug,
Der Welt zu zeigen, wie sein Haus aussah.
Berthold Brecht.

Wir alle tragen solche „Es war einmal“ Backsteine in den Taschen. Sie verbinden uns durch die Last. Sie trennen uns gleichzeitig.  Wen das Gewicht seiner Backsteine zu sehr drückt, wird eher weniger Kapazitäten haben, das Herz für andere offen zu halten.

Für mich macht es deshalb so Sinn dass wir uns an Weihnachten mit einem Kind beschäftigen.

Ich steh an deiner Krippen hier.

Das Kind ist das Herz, das alle an einer Tafel versammelt und nicht einsehen mag, warum auch nur eine*n einzige*n ausgeschlossen werden sollte

Sei eingedenk,
dass dein Geschenk –
Du selber bist.

Erinnert Joachim Ringelnatz in den letzten Zeilen seines Gedichts „Vom Schenken“. Das gilt für alle Bewohner*innen unseres Planeten, ausnahmslos.

In diesem Sinne, schöne Weihnachtstage, herzlichen Dank für deine Unterstützung, deine Zeit, deine Gedanken. Und Friede auf Erden allen Menschen.