Wieviel Frieden hast du so?

Von Superheldinnen und inneren Landschaften.

Im Dezember war ich in London. Ich fahre mit dem Zug zurück. St Pancras Station – Salzwedel Bahnhof. Da kommen einige Stunden zusammen. Anlass, mich mit dem kostenlosen Unterhaltungsprogramm der Bahn zu beschäftigen.

Vielleicht, weil ich mich in vorweihnachtlicher Stimmung und bereit für Überraschungen finde, und auch, das muss ich zugeben, weil ich eine gewisse Schwäche habe für Superhelden, wähle ich den Spielfilm Wonder Woman. Superhelden gewinnen so verlässlich immer. Sie überwinden das Böse. Und wenn es Superheldinnen sind, umso besser.

Und dann bin ich überrascht, wie schnell und gründlich mich die Geschichte in ihren Bann zieht.

Die Geschichte von Diana, die auf der mythischen Insel Themyscira mit dem Volk der Amazonen lebt, bevor sie ihre Heldinnenreise beginnt. Die Geschichte einer Frau, die die Lehren und Werte ihres eigenen Stammes verwirft, um ihrem inneren Ruf zu folgen. Sie bricht aus aus dem geschützten Reich, zieht ganz allein in die Welt, zu keinem geringeren Zweck, als Ares, den Gott des Krieges, zu unterwerfen. Denn die Überlieferung verspricht: der Sieg über Ares beendete für immer den Krieg.

Nun ist Mai, es ist sehr warm, in manchen Momenten scheint es mir sommerlich heiß zu sein; und gleichzeitig sommerlich still. Dies Stillstehen der Zeit, das ich mit den Augenblicken verbinde, in denen die Natur sich der Hitze hingibt. Da ist nur noch Atmen. Und wenn es wirklich kalendarischer Sommer ist, hören wir genau dann die Grillen am lautesten. Und wenn wir ganz besonders still sind, hören wir das Zittern des Grases im Klang der Insekten.

Nun, in dieser frühen warmen Maistimmung kündigt mein Computerkalender an den Jahrestag der Befreiung vom Nationalsozialismus (morgen, ganztägig). Ich weiß genau, früher hieß es schlicht: Kriegsende. Jahrestag des Kriegsendes in Deutschland: 8. Mai.

Zum 75. Mail jährt das Kriegsende sich im Jahr 2020. Als ich geboren wurde, war der Krieg gerade erst 14 ½ Jahre her. Und man dachte auch noch an den Krieg. Und sah die Spuren des Kriegs. Ich erinnere mich an ein München mit sichtbaren Orten der Zerstörung. Noch heute können wir an vielen Stellen die Spuren des nun schon eine betagte Friedenszeit zurückliegenden Krieges sehen. Wenn wir wollen. Z.B. in Form der Nachkriegsbebauungs-Narben. Wir können erkennen (wenn wir wollen), was da geflickt und ergänzt wurde, was nie wirklich gut zusammenwuchs. (Luftkriegzerstörte Schnellstraßenschneisen, die Städte zerteilen z.B., da kann nichts zusammenwachsen).

Ich weiß nicht, warum mein Computerkalender das Wort „Krieg“ aus dem Gedenktag herausgenommen hat. Eine Form von sprachlichem Triumph über den Kriegsgott durch Nicht-Benennen?

Die Stilleinseln in meiner Wahrnehmung lassen mich denken an die Stille des Friedens. Ich hab das bestimmt vielfach gelesen, jedenfalls hat sich dies in meiner Vorstellung festgesetzt als Geräusch des Friedens: das vollkommene Verstummen der Tötungsinstrumente. Und, zwischendurch, Glockengeläut.  

Am Ende des Wonder Woman Films ist der Kriegsgott besiegt. Mit dem Tod von Ares kommen die Menschen wieder zur Vernunft. Sie waren besessen von seiner Macht. Mit einem Mal sind sie frei. Sie finden zurück in ihre Menschlichkeit. Sie begreifen ihre Verbundenheit.

Das ist der Reiz von Superheldinnen Geschichten. Ursache – Wirkung – Beseitigung der Ursache – Wirkung fällt weg.

Kommt Frieden wirklich dadurch, dass wir Schuldige finden und sie besiegen? Ich meine: nein.

Worauf ich hinaus will?

Friedensübung

Ich möchte dich einladen zu erforschen, wie es um den Frieden in dir bestellt ist. Meine These: solange wir uns nicht innerlich befrieden, wird es kriegerische Auseinandersetzungen geben. Ob mit Waffengewalt oder mit Worten. Schau dich um auf z.B. politischen Bühnen. Glaubst du, die Menschen, die Ausgrenzung predigen, die darauf beharren, dass sie Recht und alle Anderen Unrecht haben, hätten innerlichen Frieden?

Wo wäre eine Ursache zu finden für den Zustand der Welt, die außerhalb der inneren Unruheherde läge? Wo hätten nicht Hass oder Neid oder Gier einen Krieg begonnen? Und wo kommen diese Gefühle her? Und wie ansteckend sind sie?

Also: Wieviel Konflikt gibt es in dir? Welche Auseinandersetzungen führst du mit dir selbst, welche Auseinandersetzungen führst du mit Anderen oder mit „den Umständen“?

Kämpfst du z.B. gegen das Wetter oder die öffentlichen Verkehrsmittel? Oder die Politik? Oder eine Gruppe von bestimmten Menschen? Kämpfst du gegen Familienmitglieder oder Freunde oder Insekten oder Unkraut? Willst du gewinnen? Liebst du dich? Oder hasst du dich? Oder irgendetwas dazwischen, je nach Tagesform? Wieviel Wut und Zornträgst du in dir auf einer Skala von 0 bis 10? 0 = gar nicht und 10 = wirklich viel. Und wenn du Wut und Zorn nicht findest, frag dich, wie groß ist mein Unfriede Potential? Oder: wie groß ist mein Frieden Potential?

Sei ehrlich zu dir.

Fertige eine Landkarte deiner inneren Kampfgebiete an. Vergiss dabei nicht, deine Friedensinseln im Blick zu behalten.

Wenn du noch weiter gehen willst: befreunde dich mit deiner Wut, deinem inneren Unfrieden. Wie das geht?  Die Bestandsaufnahme deines „Unfriede Potentials“ ist der 1. Schritt. Merken, was los ist. Freundlich und neugierig sein dabei, ohne sich zu verurteilen.

Der 2. Schritt: das Gefühl erforschen. Wie fühlt es sich in deinem Körper an, wenn du aufgebracht oder wütend bist? Denke einfach an eine Situation, in der du dich üblicherweise aufregst. Bemerke, wie sich das anfühlt. Atme, richte deine Aufmerksamkeit auf das Körpergefühl. Allein durch Atemaufmerksamkeit verändern sich in den meisten Fällen die Körperempfindungen und Gefühle. Wenn du das regelmäßig wiederholst, wirst du irgendwann feststellen, welche Gefühle unter der Wut etc. liegen. Worum es eigentlich geht. Und dann befreunde dich mit diesen Gefühlen in der gleichen Weise.

Wenn du etwas zu bedrohlich oder überwältigend findest, arbeite nicht alleine damit. Suche dir Unterstützung.

Warum du das überhaupt tun solltest?

Deine persönliche Freiheit liegt in der Verantwortung deiner Reaktion. Wenn du dich mit deinen automatischen Reaktionsmustern befreundest, indem du dich wahrnimmst und untersuchst, gibt es zunehmend weniger Knöpfe in dir, die andere bei dir drücken können. Das bringt nicht nur Freiheit, sondern Frieden.

Viktor Frankl, der von 1942 -1945 im Konzentrationslager eingesperrt war, hat geschrieben:
„Die letzte der menschlichen Freiheiten besteht in der Wahl der Einstellung zu den Dingen.“

Und:

Zwischen Reiz und Reaktion gibt es einen Raum. In diesem Raum haben wir die Freiheit und die Macht, unsere Reaktion zu wählen. In unserer Reaktion liegen unser Wachstum und unsere Freiheit.“

Viktor Frankl hat diese Einsichten unter den denkbar schwierigsten Umständen praktiziert. Trotzdem seine gesamte Familie ermordet wurde, war er nach dem Krieg nicht von Hass und Rache erfüllt. Sein erstes Buch, das nach dem Krieg erschien, trägt den Titel: Trotzdem Ja zum Leben sagen.

Stell dir eine Welt vor, in der die meisten Menschen die Fähigkeit hätten, völlig unabhängig von ihren Lebensumständen JA zum Leben zu sagen.

In so einer Welt wäre kein Platz für Gier, Neid, Hass etc.. Stell dir diese Welt vor und träume von ihr. Mache es zum Ziel deiner Wünsche, in so einer Welt zu leben. Je mehr wir alle von dieser Welt träumen, desto mehr Samen werden gelegt für die Veränderung. Richte den Blick so oft wie möglich auf diesen Traum. Wässere deinen Herzgarten!

Herzliche Grüße

Eva Scheller

Comment (1)

  1. […] knapp zwei Jahren habe ich in einem Blogbeitrag zum 8. Mai gefragt: Wieviel Frieden hast du so? Und vorgeschlagen eine Friedensübung. Das schlage […]

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.