Anstiftung zur Freude #11

Vom Schuleschwänzen und aus der Zeit fallen

Ich erinnere mich plötzlich, dass ich eine grandiose Schulschwänzerin war. Ein wunderbares Gefühl, etwas anderes zu tun, als eingeklemmt in einer Schulbank dem Stundenplan zu folgen. Zum Beispiel morgens um 9 Uhr die Münchener Leopoldstraße entlang zu laufen. Sein, wo alle anderen nicht waren, mit denen ich üblicherweise die Tage verbrachte. Ich habe das damals „aus der Zeit fallen“ genannt. Niemand wusste, was ich tat, wo ich war.

Aus der Zeit gefallene Minuten habe ich mir immer wieder genommen. Zum Beispiel nach einem Geschäftsessen die Gelegenheit zu einem kleinen Umweg nutzen, vor der Rückkehr ins Büro ein paar Schaufenster studieren oder Möwen beobachten oder einfach nur in der Sonne stehen.

Diese Erinnerungen wurden zurückgebracht von Tom Hodgkinson durch sein Loblied des Blaumachens und Schwänzens im Buch „Anleitung zum Müßiggang“. Meine Lektüre beim Zugfahren. Ich freue mich an meinem jüngeren Selbst.

Während des Wartens auf den Anschluss verlasse ich den Bahnhof Uelzen, suche mir die nächst freundliche Straße, laufe sie entlang. Lese Hinweisschilder, zähle Frühblüher, bewundere alte Rotklinkerfassaden, werde von der Sonne durchwärmt. 

Die Straße ist weder besonders aufregend noch hübsch. Dennoch bin ich ganz beseelt von dem Ausflug ins Neue und Unbekannte, dorthin, wo ich nicht vermutet werde und eigentlich auch gar nichts zu schaffen habe. Sein in einem aus der Zeit gefallenen Raum.

Das ist meine heutige Anstiftung: finde deine Erinnerungen ans aus der Zeit fallen. Kleine Kinder sind stets in Räumen außerhalb der Zeit, vielleicht musst du weit zurückgehen für deine Erinnerung. Und dann verbringe ein paar Minuten in einem aus der Zeit gefallenen Raum. Und natürlich dürfen es  mehr als ein paar Minuten sein. Schreib mir, was du gefunden hast: hallo@eva-scheller.de

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